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Aus dem „Alltag“ eines Verkostungsleiters

Aus dem „Alltag“ eines Verkostungsleiters
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Überraschungsweine

Manche Weine tragen lustige Phantasienamen und verbergen, welche Rebsorten sich in der Flasche befinden. Soweit alles in bester Ordnung, man kann sich darauf einlassen oder nicht. Ein bisschen schwierig wird es allerdings, wenn auf dem Etikett eine Rebsorte steht und man beim Probieren feststellt, dass der Duft und der Geschmack mit der Rebsorte nur bedingt etwas gemein hat.

Nein, es geht hier nicht um völlig unerwartete, da auf dem Etikett nicht vermerkte Barriquenoten bei einem Riesling oder Rivaner etwa. Das mag man oder nicht, soweit alles in bester Ordnung. Es dreht sich hier um das Thema Aromahefen.

Bei unserer letzten Verkostung – natürlich blind wie immer – hatten wir beispielsweise einen, laut Anmeldung des Winzers, Weißburgunder in den Gläsern. Die ersten Kommentare der Jurorinnen und Juroren lauteten einhellig „nicht rebsortentypisch„. Bewertet wurde dieser Wein dann wie ein Weißburgunder, der eben ganz anders ist als andere seiner Sorte.

Nun kommt es sehr selten durchaus vor, dass bei der Anmeldung des Weins ein Fehler passiert und die Rebsorte falsch angemeldet wird. Ich habe mir dann etwas später die Flasche alleine in einem separaten Raum angesehen, damit die Jury vom Namen des Erzeugers nicht beeinflusst werden könnte. Es stand tatsächlich Weißburgunder auf dem Etikett und eine Überprüfung der Anmeldung ergab auch keine anderen Infos.

Wir haben den Wein ebenso wie die Konterflasche dann noch zweimal blind verkosten lassen. Einmal unter der Angabe Weißburgunder, einmal nur als Weißwein ohne Rebsortenangabe, quasi als Blanc de Blanc. Und siehe da, im letzteren Fall erhielt der Wein eine deutlich höhere Bewertung. Zu Recht, sei angemerkt.

Wir haben danach darüber diskutiert, nochmals getestet und festgestellt, dass der Winzer mit Hilfe von Aromenhefen die an das Geruchsbild eines Sauvignon Blancs erinnerten und einer Auswahl von Trauben in verschiedenem Reifezustand, detaillierter möchte ich hier nicht werden, dem Weißburgunder sozusagen ein deutlich anderes Aromenbild mitgegeben hatte.

Soweit alles in bester Ordnung. Wir aber fragen uns, weshalb der Winzer dann keinen Phantasienamen dafür wählt. Denn richtige Weißburgunder-Fans würden mit diesem Wein nicht wirklich glücklich werden. Es wäre wohl sinnvoller, nicht dem Kunden quasi die Katze im Sack kaufen zu lassen, sondern auf dem Etikett bereits in irgendeiner Form darauf hinzuweisen, dass der Inhalt ganz anders als erwartet ist. Dann wären alle glücklich und zufrieden bis an ihr Weinende.

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Über den Autor

Wolfgang Hubert ist seit über 20 Jahren als Weinjournalist, Verkoster und Autor tätig und war bis 2008 außerdem Chefredakteur des Magazins „getränke markt“. Seit Ende 2014 ist er Chefredakteur des Genussmagazins "selection".

Dazu schreibt oder schrieb er regelmässig diverse Beiträge unter anderem für WeinWisser, Vinum, Wein Gourmet, essen & trinken, sowie für renommierte Tages- und Wochenzeitungen.

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