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Châteauneuf-du-Pape – Flüssiger Anachronismus

Châteauneuf-du-Pape  – Flüssiger Anachronismus
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Rotwein von der südlichen Rhône mag man oder hasst man. Vor allem dann, wenn es sich um Châteauneuf-du-Pape handelt. Üppige Grenache-Frucht und viel Alkohol können irritieren, aber auch faszinieren. Vor allem dann, wenn die Erzeuger nicht zu sehr auf neues Holz und süsse Frucht setzen, sondern ihren Weinen Ecken, Kanten und Zeit lassen. Was auf die Rotweine zutrifft, gilt für die weissen Raritäten erst recht: Ohne Frische und Balance wird die Sache langweilig, anderenfalls grossartig.

Es war eine intime Verkostung mit dem Schweizer Rebsortenforscher José Vouillamoz. Ein paar neugierige Weinfachleute kosteten sich spätabends durch blind ausgeschenkte Weine und versuchten zu erraten, was ihnen da ins Glas gekommen war.

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Bei einem dunklen, üppigen, nach reifen und überreifen Früchten duftenden Tropfen schieden sich die Geister besonders: Während ein Verkoster von genialer Kraft schwärmte, kritisierte ein anderer die offenbar zu spät und mit zu hohen Mostgewichten geernteten Trauben sowie die unverkennbare flüchtige Säure.

Reife und Fülle

Bei dem so zwiespältig beurteilten Roten handelte es sich um einen Châteauneuf-du-Pape aus 2003, einem besonders heissen und sonnigen Jahrgang. In diesem Sommer einen ausgewogenen Wein zu keltern, war in ganz Südfrankreich schwierig und nach den einstudierten Methoden der Châteauneuf-Winzer beinah unmöglich.

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Die Fülle gesucht hatten die Erzeuger in der kleinen Appellation der südlichen Rhône nämlich schon lange zuvor. Immer reifere Jahre hatten die Charakteristiken der Sorte Grenache dann auf die Spitze getrieben, immer höhere Noten des notorisch Châteauneuf-verliebten Kritikers Robert Parker hatten zum Boom geführt.

Die Winzer nahmen lediglich das beste und reifste Traubengut für den Châteauneuf, vermarkteten die zweite Charge als Côtes-du-Rhône, schraubten Wucht und Alkohol ihrer Erstweine weiter in die Höhe. So was mochte zwar für Punkte hoch in den Neunzigern gut sein, verführte aber beileibe nicht immer zum Austrinken von Glas und Flasche.

Tradition und Moderne

Weinkeller vom Château de Beaucastel, Châteauneuf-du-Pape
Weinkeller vom Château de Beaucastel, Châteauneuf-du-Pape

Châteauneuf-Kenner unterscheiden heute gern zwischen den „modernen“ und den „traditionellen“ Weinen und Winzern, vergessen allerdings die vielen Mischformen und Abstufungen. Ein hoher Anteil neuer, womöglich ausgiebig getoasteter Barriques führt manchmal, aber nicht zwingend zu süsslich-langweiligen Weinen, während die ausschliessliche Vinifikation in lange gebrauchten foudres nicht unbedingt höchste Finesse hervorbringt.

Wer wirklich die grandiose Faszination eines roten Châteauneuf erleben will, kauft Weine des Jahrgangs 2007 oder jene aus 2010, sucht auch sonst nach Erzeugern mit Augenmass. Winzerin Isabel Ferrando gehört zu dieser kleinen, feinen Kategorie von Könnern und begeistert nicht nur mit der Überdrüber-Cuvée namens Collection Charles Giraud, sondern schon mit dem „normalen“ Châteauneuf.

Eine vergleichsweise kühle Frucht besitzen auch die Weine von Clos du Mont-Olivet, die im besten Sinne traditionell ausgebaut werden – ohne Schönung und Filtermassnahmen, nie in neuem Holz. Hier wird die reife Kirsch- und Beerenfrucht von anderen Aromen ergänzt, lässt an schwarze Trüffel und Pfeffer, dunkle Oliven und Mittelmeerkräuter denken.

Deutlich konzentrierter, auch ein bisschen schokoladiger, aber alles andere als eindimensional ist die legendäre Cuvée Vieilles Vignes von Tardieu-Laurent. Und wer die fast schon altmodischen Weine von Clos des Papes, die spät gefüllten Luxustropfen von Henri Bonneau oder die nach biodynamischen Prinzipien entstehenden, spontan vergärenden und im grossen Fass ausgebauten Raritäten der Domaine de la Vieille Julienne verkostet, ist für mittelmässige Weine der Papst-Appellation ohnehin verloren.

Weiss und wunderlich

Die grossen Stil- und Qualitätsunterschiede, wie sie schon beim roten Châteauneuf vorkommen, gelten erst recht für den weissen. Allzu leicht geraten Mischungen aus Grenache blanc, Clairette, Roussanne oder Bourboulenc breit, säurearm, bisweilen sogar schnapsig, holzig und langweilig.

Die Balance zu finden, ist eine Herausforderung, wie sie nicht nur Vincent Avril mit seinem legendären weissen Clos des Papes hinbekommt, sondern wie sie auch Xavier Vignon (Xavier Vins) meisterhaft bewältigt. Dessen weisser Châteauneuf wird teilweise im Fass, teilweise im Stahl ausgebaut, kombiniert Frische mit Fülle.

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Und wenn wir schon bei der Balance sind: Vignons rote Réserve wird aus drei verschiedenen Jahrgängen cuvéetiert – und gehört mit seiner komplexen Finesse zu jenen Weinen, die kaum je Diskussionen auslösen, die kein bisschen überreif schmecken und die auch bei abendlichen Überraschungsverkostungen einhellig begeistern.

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Über den Autor

Wolfgang Faßbender ist seit 25 Jahren als freier Journalist in den Bereichen Wein und Gastronomie tätig. Der gebürtige Leverkusener hat mehr als 80 Bücher geschrieben oder herausgegeben, arbeitet für viele Zeitschriften und mehrere Zeitungen, testet sich als Restaurantkritiker durch die Welt.

Er pendelt zwischen seinen Wohnsitzen im Rheinland und Zürich.

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